Vorwort zur Dokumentation vom Zukunftskongress Soziokultur - Vorwärts und wohin!

„Zukunft muss menschenfähig werden - nicht umgekehrt ...

Im Wort Zukunft steckt kein Schwung mehr, auch wenn noch so viele Zukunftskongresse veranstaltet werden. Zukunft ist mehr Drohwort denn Frohwort. Dass aus dem herrlichen Wort "Zukunft" so etwas Abscheuliches wie "Zukunftsfähigkeit" gemacht wird, ist zum Heulen. Das Wort "zukunftsfähig" ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man sich fähig machen müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine, die sich jeden Augenblick formt - je nach dem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt. ...  Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Zukunft sollte so sein, dass Menschen heil und zufrieden leben können.“

(Heribert Prantl, SZ, 25. Mai 2015)

Vielleicht hätten wir in Prantls Sinne den Kongress etwas anders durchführen müssen. Vielleicht ein späteres Mal. Deswegen auch diese Dokumentation, um uns, gerade auf der Grundlage von Prantl`s Aussagen, noch mal zu vergewissern, welche Fragen noch offen sind bzw. was nochmal gedacht und wie weiter gehandelt werden sollte. Aber seine Grundaussage ist die, dass wir selber die Zukunft gestalten. Wir sollten daher nicht warten, was auf uns zukommt, sondern selber formulieren, wie wir uns die soziokulturelle Praxis vorstellen und welchen gesellschaftlichen Beitrag wir da leisten wollen und können.

Zwei Jahre lang haben wir über Sinn, Zweck und Inhalt des Kongresses diskutiert. Das Konzept dafür hin und her gewälzt. Leute eingeladen, Absagen gesammelt,
wieder neu überlegt und konzipiert. Und es hat funktioniert. Ca. 160 Menschen waren dabei, über die Hälfte aus den Mitgliedseinrichtungen der LAG NW. Damit hat sich auch eine unserer zentralen Hoffnungen, möglichst viele KollegInnen aus den Zentren an dem Diskurs zu beteiligen, erfüllt. In der Einladung zum Kongress hieß es: „Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen: Viele alte Fragen neu zu formulieren. So manche neue Frage zum ersten Mal.“

Einige Beispiele hat Christine Brinkmann, zakk Düsseldorf und Vorsitzende der LAG NW, in ihrer Eröffnungsrede angesprochen: „Wie die anderen Zentren auch, diskutieren wir ständig im Haus über die Zukunft unseres soziokulturellen Zentrums: Wohin geht die Reise des zakks? Welche Wege wollen wir auf dieser Reise gehen? Und wie können wir unsere Überlegungen bezüglich Kunst/Kultur, Personal, Politik & Stadt in Praxis übersetzen? Worüber reden wir also, wenn wir mit diesen zwei Tagen sowohl eine Bestandsaufnahme der Soziokultur als auch eine Positionsbestimmung für deren Zukunft vornehmen wollen? Können wir uns den aktuellen Herausforderungen und den abgeleiteten Detailfragen widmen, ohne im Trubel des Alltagsgeschehens unsere Orientierung zu verlieren?“

Florian Malzacher sorgte für einen provokativen Einstieg: "Nicht Spiegel, sondern Hammer - Kunst als soziales und politisches Werkzeug“. Zwischen Theorie und konkreter Praxis bewegten sich Fragen nach dem Verhältnis der Soziokultur zwischen Adorno und Bierverkauf. Diese Spannbreite zwischen der Adorno’schen
affirmativen Kultur und der konkreten Praxis stellte sich als groß heraus.

Angelehnt an die Aufbruchzeit der siebziger Jahre („Das. Ist. Unser. Haus!“) haben wir die Rolle der Soziokultur und möglichen Freiräumen in der Stadtentwicklung und entlang der Urbanitätsdebatte beleuchtet. Die These: "Etabliert - und das ist gut so?! Soziokultur von der Bewegung zur Institution - mit und ohne Marsch“ problematisierte die neue Rolle der Soziokultur zwischen Stadttheater und den neuen Subkulturen. "Von der Subkultur zum Mainstream ... und zurück?" hieß der Titel der Podiumsdiskussion, die vom WDR 3 Forum im Radio übertragen wurde. Erreichen wir noch die junge Generation mit unseren Angeboten? Welche Rolle spielt die Soziokultur bei der interkulturellen Öffnung der Kultur. Am zweiten Tag heizte uns Feridun Zaimoglu ein mit der Frage, "Die Welt verändern - mit Kunst und Kultur?", die er sehr differenziert, aber auch selbstkritisch beantwortete. Der Blick auf die Zukunft wurde dann konkreter: Was kommt nach Poetry Slam? Und ‚wohnen’ die jungen Menschen wirklich nur noch im Social Media? Und wie kann die vielbeschworene Teilhabe  unter den aktuellen Rahmenbedingungen mitgestaltet werden?

Wesentlich ist für die LAG-NW als Veranstalter, dass es auch nach dem Kongress weitergeht. Wir haben in der Abschlussrunde versprochen, dass wir uns im Herbst/Winter 2015 an unseren Thesen und Ansprüchen messen lassen wollen: Haben wir mit den Erkenntnissen und Vorschlägen vom Kongress weiter gearbeitet und Ergebnisse erzielt? "Vorwärts und wohin!" lautete das Kongressmotto. Zur Überprüfung dient u.a. auch diese Dokumentation, die die bisherigen Texte, Protokolle und Vorträge zusammenfasst und damit auch zur weiteren Diskussion einlädt.

Rainer Bode, Geschäftsführer der LAG NW

 

Die komplette Dokumentation als Broschüre
Dokumentation-Zukunftskongress-2015.pdf (6.11MB)
Die komplette Dokumentation als Broschüre
Dokumentation-Zukunftskongress-2015.pdf
(6.11MB)